Web 2.0

(Beitrag im Online-Verwaltungslexikon olev.de, Version 2.26)

1 Definition

  1. "Mitmach-Web", das durch die Aktivitäten der Nutzer gestaltet wird, nicht durch Anbieter von Inhalten: Das Internet mit den durch entsprechende Programme (siehe unten) bereit gestellten Eigenschaften der Interaktivität, dezentraler Steuerung und Selbstorganisation, Netzwerkbildung, Bereitstellung von Leistungen und Inhalten durch die Nutzer selbst (Autopoiese).
  2. Eine Klasse von Internetangeboten, deren Inhalte von den Nutzern selbst stammen, von ihnen für andere Nutzer zugänglich gemacht werden und damit die Weiterentwicklung der Inhalte und die Kommunikation zwischen den Nutzern ermöglichen.

2 Weitere Informationen

2.1 Bedeutung / Potenzial von Web 2.0

Mit den Eigenschaften des Web 2.0 wird das Internet zur Plattform mit neuartigen Möglichkeiten für berufliche wie für soziale, politische und private Zwecke (die Programme im einzelnen siehe unten):

Damit bekommt das Internet ein Potenzial und eine Dynamik, die von Anbietern selbst nicht erreicht werden könnte, und eine Offenheit für Entwicklungen, die nicht planbar ist und sein soll, dafür aber neue Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten bietet, die über zentral verwaltete Angebote weit hinausgeht.

2.2 Grenzen / Probleme: die 90-9-1-Regel

Vor einer Überschätzung sozialer Medien ist zu warnen: nach einer gängigen Faustformel (90-9-1-Regel) sind 90% der Nutzer passiv, nutzen Inhalte, aber bringen selbst keine ein, während 1% der Nutzer sehr aktiv sind und 90% der Inhalte produzieren: damit bestimmt diese kleine Gruppe der sehr aktiven Nutzer, was sich in den sozialen Medien widerspiegelt (nicht zwangsläufig die Wirkung: das ist auch abhängig von den passiven Nutzern, die auch Multiplikatoren im realen Leben sein können).

Die 90-9-1-Regel bedeutet auch, dass die Inhalte von sozialen Medien nicht repräsentativ sein können, z. B. auf Kunden-/Bürgerbefragungen, Meinungsumfragen nicht verzichtet werden kann. Allerdings weisen auch die traditionellen Medien und Mechanismen der Meinungs- und Willensbildung entsprechend ungleiche Strukturen auf, was bei der Bewertung zu berücksichtigen ist.

Web 2.0 erlaubt es sozialen Bewegungen wesentlich wirkungsvoller zu handeln, siehe die Kampagne von Barack Obama 2008, aber die Hoffnung, damit das Verhältnis zum Bürger/Kunden auf eine neue Grundlage stellen, das Wissen Außenstehender nutzbar machen zu können, ja selbst internes Wissensmanagement erfolgreich betreiben oder andere gesellschaftliche oder aber innerorganisatorische Probleme lösen zu können, ist u. U. trügerisch.

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2.3 Wichtige Anwendungen des Web 2.0

  1. Cloud Computing: Arbeiten im Netz: die Programme für Textverarbeitung, Präsentation, Betreuung von Kunden usw. werden von Anbietern im Netz bereit gestellt, die Daten werden im Netz gespeichert. Anwendungen und Daten stehen damit ortsunabhängig und unabhängig von den lokalen Ressourcen zur Verfügung, auch für den gemeinsamen Zugriff von Arbeitsgruppen usw. Damit wird keine lokale IT-Infrastruktur mehr benötigt, und Leistungen werden nur entsprechend dem Bedarf bereit gestellt, möglicherweise von verschiedenen Anbietern, die jederzeit für Aktualität der Programme sorgen.
  2. Blogs: digitale Tagebücher ("Weblogs"), die von Lesern diskutiert und kommentiert werden können. Sie geben bewusst die persönliche Sicht des Verfassers/der Verfasserin wieder, können aber auch thematisch orientiert oder frei - je nach persönlicher Entscheidung - gehalten sein.

    Blogs werden auch für politische Themen von gesellschaftlichen Gruppen und Akteuren, zunehmend auch von Politikern/Politikerinnen genutzt. Es gibt zahlreiche Angebote im Internet, kostenlos ein Blog einzurichten, oder kostenlose Software, um es auf eigenem Server zu installieren. Mehr ...
  3. Wikis: Informationssammlung über Sachthemen, nach dem Muster von "Wikipedia", aber auch beschränkt möglich: thematisch (Stadt-Wiki, Wiki zu E-Learning usw.), Personenkreis (Gruppe von Praktikern bestimmter Bereiche (Communities of Practice, von Studierenden usw.), oft mit Links auf Quellen und weitergehende Informationsangebote. Beispiele: Stadtwikis, Wikis zu sozialen und Umweltthemen, das Wiki zu diesem Online-Verwaltungslexikon.
  4. Communities/soziale Netzwerke: Myspace, Facebook, Xing oder StudiVZ: hier können die Nutzer Informationen über sich selbst, ihre Ansichten und/oder anderes präsentieren, Kontakte knüpfen und Netzwerke bilden, indem sie z. B. die Kontakte ihrer Kontakte einbeziehen. Communities of Practice werden mit der allgemeinen Bezeichnung "soziales Netzwerk" in der Regeln nicht gemeint (siehe den Beitrag zu Communities of Practice).
  5. Politische Netzwerke: soziale Netzwerke, die aktiv auf Politik und Wahlen Einfluss nehmen sollen, wie die Netzwerke, die im US-Wahlkampf 2008 einen wichtigen Beitrag zum Ergebnis hatten. Seitenanfang
  6. Foto- und Videoportale wie Youtube, in denen Nutzer Inhalte einstellen, die dann von allen anderen eingesehen und kommentiert werden können.
  7. Foren: Diskussionsplattformen: Beiträge können eingestellt und diskutiert und kommentiert werden. Typisch ist es auch, Fragen einzustellen, auf die andere Nutzer antworten.

    Foren eignen sich auch als Mittel der Selbsthilfe der Betroffenen, zu Themen von öffentlichem Interesse und für Communities of Practice, sie sind oft ergänzende Angebote zu anderen Webseiten oder Leistungen im Internet, z. B. Informationsangeboten.

    Es gibt zahlreiche Angebote im Internet, ein Forum kostenlos einzurichten, oder kostenlose Software, um es auf eigenem Server zu installieren.
  8. Social Bookmarking: Internet-Lesezeichen, mit denen Benutzer/innen Links auf ihrer Meinung nach interessante Webseiten sammeln und anderen mitteilen, diese Links u. U. auch kommentieren. Seitenanfang
  9. Bewertungsportale: Hier entstehen Meinungen über Konsumgüter, Lehrkräfte, Ärzte usw., die eine erhebliche öffentliche Wirkung haben können. Systematisch verwendet z. B.
    • von Internet-Marktplätzen wie Ebay oder Buchungsseiten (Hotelbuchungen), dadurch auf einer breiten und damit verlässlicheren Basis, da alle, die das Angebot genutzt haben, zur Bewertung aufgefordert werden, oder
    • Seiten, über die Konsumgüter vertrieben werden (Amazon) oder die Informationen über Konsumgüter im Netz sammeln und bereitstellen, weshalb die Bewertungen auf eher zufälliger Basis erfolgt (Gefälligkeitsurteile ebenso möglich sind wie die Dominanz von Beschwerden)
    • aber auch "spickmich.de" oder die Bewertung von Ärzten als Projekt der gesetzlichen Krankenkassen.
  10. "Twitter & Co.": Verbreitung von Kurz-Meldungen (Nachrichten, Meinungen, Aufforderungen): Twitter (allgemein zugänglich) bzw. Yammer (für geschlossene Gruppen) u. a. Anbieter: Kurzmeldungen, die an diejenigen verbreitet werden, die sie "abonniert" haben und die sie ihrerseits weiterleiten können, so dass innerhalb kürzester Zeit sehr viele Menschen informiert werden können (von Barack Obama im US-Wahlkampf 2008 eingesetzt). Weil die Informationen sehr persönlichen Charakter haben können, aber nur sehr kurz sein dürfen, auch als Mikro-Blog bezeichnet. Bekannt geworden auch als Instrument für gewerkschaftliche Aktionen:" Flash Mobs" oder "Smart Mobs".
  11. Gästebücher: Erlaubt Nutzern Kommentare, kann ähnlich wie ein Forum genutzt werden. Angebote von Ministerien, sich zu Gesetzentwürfen oder bestimmten politischen Themen zu äußern, haben z. T. nur die Qualität eines "Gästebuchs" oder sind vergleichbar einer Sammlung von Leserbriefen.
  12. Bürgerbeteiligung
    Gute Vorsätze sind bisher nicht unbedingt erfolgreich gewesen, siehe im Folgenden.
    1. Neue Initiativen, die das Potenzial besser nutzen sollen, haben Potsdam und München gestartet:
      1. In Potsdam soll die Bürgerbeteiligung über eine Web-Seite neu gestaltet werden, die vom "Büro für Bürgerbeteiligung" betrieben wird und die Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit und Stadtverwaltung darstellt. Die Website soll mittelfristig die Funktion einer interaktiven Online-Dialogplattform einnehmen. Neben der Information der Bürgerschaft soll sie auch zu projektbezogenen Beteiligungsverfahren, dem Anliegen- und Beschwerde-Management sowie der Verwaltung von Stadtteilfonds und Bürgerhaushalt dienen. Mehr dazu: http://www.buergerbeteiligung-potsdam.de/.
      2. In München konnten mit einem Mix aus verschiedenen Veranstaltungen und Beteiligungsformen unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen erreicht werden. Ein wichtiges Elemente dabei war das Online-Dialogformat. Diese Plattform wurde während des Beteiligungsprozesses rund 180.000-mal von 13.500 Personen aufgerufen. Dabei wurden mehr als 2.000 Beiträge verfasst, die über 12.000-mal bewertet wurden. Mehr dazu: http://muenchen-mitdenken.de/.
    2. (Informationen übernommen vom IMP Newsletter 2013/06 des Institut für Systemisches Management und Public Governance der Universität St. Gallen)

    3. Die Einholung von Meinungsäußerungen zu Gesetzgebungsvorhaben oder anderen Themen (z. B. Aktion des BMI: "Ihre Meinung zählt: Diskutieren Sie vom 6. April bis 4. Mai mit." Es kamen 19 Stellungnahmen). (Online-Quelle) war bisher wenig erfolgreich. Z. T. haben diese Beteiligungsmöglichkeiten eher die Qualität von Gästebüchern. Beispiele aus dem Ausland liefert die Veröffentlichung der Bitkom, allerdings ohne Evaluation der beschriebenen Projekte.
    4. Bürgerhaushalte sind eine inzwischen weit verbreitete Beteiligungsmöglichkeit, mit aber noch ungewissem Erfolg. Hier können sich Bürger/innen direkt an der Haushaltsplanung beteiligen, siehe z. B. das Projekt „Haushaltsplanung 2.0“ der Stadt Köln: Kölner Bürgerhaushalt „Deine Stadt. – Dein Geld“:

    Nach Registrierung können Vorschläge gemacht, vorhandene Vorschläge kommentiert und ein Votum (ja/nein) zu eingereichten Vorschlägen abgegeben werden. Die Vorschläge mit den meisten Stimmen werden geprüft.

    Die Statistik für den Bürgerhaushalt der Stadt Köln 2008 verzeichnet:

Beteiligung am Bürgerhaushalt 2008 der Stadt Köln
Registrierte Personen 10 357
Anzahl der Vorschläge 4 967
Bewertungen 52 534
Kommentare 9 171
Vorschlags-Aufrufe 4 639 194

Inzwischen (Stand: Juni 2013) hat die Resonanz aber deutlich nachgelassen.

Den Stand der Diskussion und Verwendung von Bürgerhaushalten in Deutschland zeigt der nachfolgende Kartenausschnitt (Stand: Anfang Juni 2009):

Bürgerhaushalte in Deutschland
Übernommen von http://www.buergerhaushalt.org/karte/ am 6. Juni 2009, mit Klick zur aktuellen Karte

Mehr dazu

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2.4 Web 2.0 für die öffentliche Verwaltung?

Das Potenzial von Web 2.0 wird für die öffentliche Verwaltung bisher kaum genutzt: Bürger helfen sich nicht gegenseitig im Umgang mit der Verwaltung (Ausnahme: im Zusammenhang mit der Inanspruchnahme von Sozialleistungen), die Verwaltung ermöglicht keine Bewertung ihrer Angebote und schafft keine Möglichkeiten der Diskussion aktueller Themen oder gar der Einbeziehung des Sachverstandes der Bürger/innen, usw. Auch als Mittel zum Austausch von Praktikern und zur gegenseitigen Unterstützung in Communities of Practice wird es in Deutschland kaum genutzt, anders als in Großbritannien, wo eine zentrale Plattform für den kommunalen Bereich eingerichtet worden ist und genutzt wird (Link zu Local Government Improvement and Development, UK).

Dabei ist die nächste "Revolution" bereits absehbar: auf E-Government folgt M-Government: die Bereitstellung von Leistungen für die mobile Nutzung, mit zusätzlichen Anforderungen an das Leistungsangebot der öffentlichen Verwaltung.

Einen Überblick über Möglichkeiten gibt die Veröffentlichung der Bitkom 2008, die allerdings nicht ausreichend unterscheidet zwischen den Möglichkeiten, die das Internet für die Kommunikation - den Informationsaustausch zwischen zwei Partnern über das Netz bietet, also unter Ausschöpfung der Möglichkeiten von Web 1.0 - und den Besonderheiten, die Web 2.0 auszeichnen. Die aufgeführten Beispiele, die das Potenzial aufzeigen sollen, werden auch nicht evaluiert, eine Bewertung ist also nicht möglich.

3 Diskussion

BITKOM ( Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V.): Web 2.0 für die öffentliche Verwaltung. Grundzüge, Chancen, Beispiele und Handlungsvorschläge. 2008

Literatur-Tipp: Gerlach, Lutz / Hauptmann, Stefan: Twitter, Wiki, Blog & Co. - Web 2.0 im E-Government. In: Innovative Verwaltung 2009 Nr. 9, S. 45-46. Online-Quelle (kostenpflichtig)

Möglichkeit zur Diskussion
dieses Themas gibt es unter http://www.wiki.olev.de, dem Wiki zu olev.de und damit selbst eine Web 2.0-Anwendung, mit dem Diskussionsthema Web 2.0.

Interessant sein könnten insbesondere:

4 Quellen

CEN 2004: European Committee for Standardization - Europäisches Komitee für Normung (Hrsg.): Europäischer Leitfaden zur erfolgreichen Praxis im Wissensmanagement (European Guide to Good Practice in Knowledge Management). Brüssel, Frühjahr 2004. Online-Quelle

Der Leitfaden wertet die Praxis, u. a. anhand von Fallstudien, aus und entwickelt daraus Empfehlungen für eine erfolgreiche Praxis.

Barthel, Christian (Hrsg.) 2004: Qualitätsmanagement bei der Polizei: Entwicklungsstand und Perspektiven. Frankfurt/Main 2004

Bennis, Warren G.1972: Organisationsentwicklung: Ihr Wesen, ihr Ursprung, ihre Aussichten. Baden-Baden, Bad Homburg v. d. H. 1972 (Organization Development: Its Nature, Origins, and Prospects, dt.)

Berthel, Jürgen: Zielorientierte Unternehmenssteuerung. Die Formulierung operationaler Zielsysteme. Stuttgart 1973

 

 

CEN (European Committee for Standardization - Europäisches Komitee für Normung) (Hrsg.) 2004 Europäischer Leitfaden zur erfolgreichen Praxis im Wissensmanagement (European Guide to Good Practice in Knowledge Management). Brüssel, Frühjahr 2004. Online-Quelle

Der Leitfaden wertet die Praxis, u. a. anhand von Fallstudien, aus und entwickelt daraus Empfehlungen für eine erfolgreiche Praxis.
CEN 2004: (European Committee for Standardization - Europäisches Komitee für Normung (Hrsg.): Europäischer Leitfaden zur erfolgreichen Praxis im Wissensmanagement (European Guide to Good Practice in Knowledge Management). Brüssel, Frühjahr 2004. Online-Quelle

Der Leitfaden wertet die Praxis, u. a. anhand von Fallstudien, aus und entwickelt daraus Empfehlungen für eine erfolgreiche Praxis.

 

     

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